Was passiert, wenn Teams in einem Design Thinking Bootcamp AI nicht nur als Tool nutzen, sondern bewusst beobachten, was sie mit der Zusammenarbeit macht? Martin Kaegi von KW+P Management Consultants hat genau das getan. Im Rahmen eines 2-tägigen Bootcamps mit dem Product Design Toolkit an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich hat seine Studiengruppe AI (Product Design Toolkit AI Assistant) integriert und die Auswirkungen auf Team-Dynamik, Kreativität und Lösungsqualität systematisch reflektiert. Das Ergebnis: Ein Merkblatt für Führungskräfte, das es in sich hat.
AI verändert nicht nur was Teams erschaffen, sondern wie sie zusammenarbeiten. Das klingt erstmal nach einer Binsenweisheit. Aber wer es live erlebt hat, weiss: Der Unterschied zwischen produktiver AI-Integration und schleichender Entmündigung ist oft nur eine Reflexionsfrage entfernt.
Die 4 Beobachtungs- dimensionen
Martin und seine Gruppe haben vier Dimensionen identifiziert, entlang derer sich AI-Einfluss in Teams beobachten lässt.
Team-Dynamik: Wer bedient AI? Rotiert die Rolle oder entsteht eine neue Hierarchie zwischen «AI-Kompetenten» und dem Rest? Spannend: Introvertierte Teammitglieder können durch AI mehr oder weniger Raum bekommen. Das ist keine Selbstverständlichkeit; das muss aktiv gestaltet werden.
Freude & Engagement: Entsteht Begeisterung bei der AI-Nutzung oder beim eigenen Durchbruch? Sagen Teammitglieder «Wir haben entwickelt» oder «AI hat vorgeschlagen»? Die Frage nach Ownership und Stolz ist zentral.
Collaboration: Werden AI-Outputs gemeinsam interpretiert und weiterentwickelt? Oder arbeitet jeder isoliert mit AI und präsentiert dann? Die ehrlichste Frage: Braucht das Team einander noch?
Lösungsqualität: Führt AI zu Oberflächlichkeit (viele Ideen, wenig Durchdringung) oder zu mehr Tiefe? Entstehen «sichere» AI-nahe Lösungen oder mutige, eigenwillige Ansätze?
Der kritische Kipppunkt
Besonders wertvoll ist Martins Beobachtung zum Kipppunkt. AI kippt von «ermächtigend» zu «entmündigend», wenn Sätze mit «AI sagt…» statt «Wir denken…» beginnen. Wenn das Team auf AI-Input wartet statt selbst loszulegen. Wenn kreative Diskussionen kürzer werden und die Validierung mit echten Nutzern übersprungen wird.
Seine Empfehlung: Sofortiger Stopp der AI-Nutzung für ein bis zwei Sessions. Dann Reflexion. Dann Neu-Kalibrierung.
Die 3 Zonen der AI-Integration
Das Merkblatt unterscheidet drei Zonen. In der grünen Zone ist AI hochproduktiv: Strukturierung, Recherche, Reflexion, Validierung eigener Hypothesen. In der gelben Zone ist Vorsicht geboten: Ideengenerierung, Analyse von Nutzerinterviews, Konzeptentwicklung. Hier unterstützt AI, aber das Team interpretiert und gestaltet. In der roten Zone sollte AI vermieden werden: beim initialen kreativen Brainstorming, bei emotionalen Themen im Team, bei strategischen Entscheidungen mit hoher Unsicherheit und wenn Intuition gefragt ist.
Key Takeaways
👉 AI ist ein Denkpartner, kein Denkersatz. Wer das nicht aktiv choreographiert, verliert kreative Energie.
👉 Die Frage ist nicht «Nutzen wir AI?» sondern «Wofür genau nutzen wir AI und wofür bewusst nicht?»
👉 Drei Team-Archetypen im Umgang mit AI: Der Enthusiast (nutzt AI für alles), der Skeptiker (lehnt ab) und der Choreograph (nutzt gezielt). Letzterer ist das Rolemodel.
👉 Führungskräfte müssen nicht AI-Experten sein. Aber sie müssen Bewusstheit schaffen für die Dynamiken, die AI in der Zusammenarbeit auslöst.
👉 Der beste Erfolgsindikator: Lebendige Diskussionen über AI-Outputs statt blinde Übernahme. Stolz und Ownership statt Gleichgültigkeit.
Einordnung
Dieses Merkblatt schliesst eine Lücke, die in der ganzen AI-Euphorie oft übersehen wird. Es geht nicht um Prompting-Techniken oder Tool-Vergleiche. Es geht um die Frage, wie AI die menschliche Zusammenarbeit verändert und wie Führungskräfte das bewusst gestalten können.
Entstanden aus der Praxis systemischer Organisationsentwicklung und bewusstseinsbasierter Führung. Und aus einem Bootcamp, in dem genau diese Fragen nicht theoretisch, sondern erlebbar wurden.
Den vollständigen Artikel von Martin Kaegi gibt es auf LinkedIn.
